Tief im Westen

  

Unsere tägliche Qual gib uns heute

Der Autor des MSV-Fanblogs “strafstoss.net”,  Jochen Stoephasius, über die Situation beim MSV Duisburg in dieser Saison.

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Das waren noch Zeiten!

Ja, so richtige Hass-Duelle machen irgendwie auch Spaß! Natürlich ist es positiv, dass es nicht mehr so heftig abgeht wie in den 70- und 80-er Jahren ist, aber allzu freundschaftlich sollte es doch auch nicht werden. Während sich vor nicht allzu langer Zeit beim Derby Dortmund - Schalke die Rentner auf den Tribünen prügelten und der Autor so manches Mal auf Schalke und in Essen attaktiert wurde, ist die Stimmung heute schon fast als “kuschelig” zu bezeichnen.

Gewalt nein - Rivalität ja!

Der Duisburg-Fan “Dreistein” hat einen netten Artikel zu dieser Thematik verfasst.

 

MSV gegen Schalke: Die Großmutter aller Derbys

Heute ist es mal wieder soweit. Nachdem wir uns ein Jahr lang mit Giganten der Güteklasse Unterhaching, Köln und Burghausen rumgeärgert haben bekommen wir einen Kracher serviert. Schalke darf im großen Ruhrpottschlager bei den Zebras antreten.
Das ist nicht nur ein popeliges Alltagsspiel, sondern ein Feiertag Marke Weihnachten. Um das verstehen zu können, sollte man spätestens in den 80ern die erste Stadionluft geschnuppert haben.
In jenen fernen Zeiten ging noch so richtig die Post ab. Es wurde nicht nur brav applaudiert wie auf dem Tennisplatz, oh nein. Die Anfeuerung war laut, wild und konzentrierte sich vorwiegend darauf, den Gegner zu beleidigen.

Herrlich. Alle üblen Schimpftiraden die eine verkommene Fantasie hervorbrachte konnten lauthals und sehr guten Gewissens auf den blöden Schlakkern abgeladen werden. Toll.

Der sensible und kulturell orientierte Zeitgenosse mag da einwenden, ein solches Verhalten mute auf den ersten Blick nicht so wirklich politisch korrekt an? Unsinn! Fankultur kann nur verstehen, wer sich jahrelang auf allen möglichen Stehplätzen herumgetrieben hat.

Es war ja nie so, dass da auf der anderen Seite zarte Waisenknaben unterwegs waren. Oh nein! Das abgefuckteste Gesindel der uns bekannten Welt wurde auf uns losgelassen. Wer keine Zähne, selbst gebastelte Tattoos und mindestens 5 Jahre Knast auf dem Buckel hatte musste dereinst von Gesetzes wegen Schalkefan werden.

Selbst die hartgesottensten Ruhrpottler waren immer wieder von Neuem erstaunt, was alles so frei und im Stadion rumlaufen durfte. Jawohl, das war immer wörtlich zu nehmen. Laufen. Viel und schnell laufen musste man können in den 70 bis 80ern. Im entzückenden Parkstadion, der hässlichsten Betonschüssel der Welt gab es zur Begrüßung stets ein kleines Feuerwerk. Wenn mal an schlechten Tagen weniger als 100 Leuchtraketen in unsern Block geschossen kamen fühlten wir uns etwas missachtet. Trotz gefühlter einhundert Mannschaftswagen der grünen Jungs war jeder Gästeblock die Spielwiese der erwähnten Zahnlosen.
Musste man sich das gefallen lassen? Nicht notwendigerweise. Auf einfühlsame und humorlose Art und Weise kam stets die passende Korrespondenz.
Was waren das auch sportlich für goldene Zeiten: 1981 schossen wir die hässlichen Schlakker mit einem 5-1 in die 2.Liga. Das wäre auch heute ein schönes Ergebnis. Leider nicht so wahrscheinlich. Was aber eigentlich noch schlimmer ist als die sportliche Entwicklung seitdem ist etwas anderes.
Die ehemals so ätzenden Lieblingsfeinde sind sympathisch geworden. Die Zahnlosen sind weg. Auf Schalke wird man mittlerweile nett begrüßt. Kein Feuerwerk fliegt mehr auf mich herab. Ich kann sogar ungestraft im Trikot meines Clubs in eine Schalker Fankneipe gehen. Vor 20 Jahren wäre solche ein Manöver als Selbstmordversuch durchgegangen.
Der Trainer ist ein netter Kerl, der Manager spuckt keine großen Töne und das auch noch in fließendem Hochdeutsch. Die Mannschaft spielt guten Fußball ohne Herumzuholzen und das Publikum zu provozieren.
Was ist aus meinem Sport geworden, wenn selbst ein traditionell gifterfülltes Derby zu einer Kuschelveranstaltung wird? Macht das noch Spaß?
Klar ist es immer etwas schöner, einen bösen Gegner zu demütigen, als ein paar liebe Freunde. Ganz soweit ist es ja auch noch längst nicht. Nach einem Spiel mit den Kontrahenten noch ein Bier trinken zu können, ohne es über ein paar Meter Entfernung über den Kopf zu bekommen hat auch was Positives.
Es ist zwar noch längst nicht nur ein Spiel. So viel mehr als Sport ist es aber auch nicht. Schade eigentlich?

Autor: Dreistein

Im Westen geht die Sonne auf

Kleine Geschichten von Kohle und Fußball

Ein Film von Wolfgang Ettlich

Der Film “Im Westen ging die Sonne auf” zeigt vergangene Kapitel des Ruhrgebietsfußballs. Im Mittelpunkt stehen vergessene Arbeitervereine,
die heute oft nur noch von Einzelpersonen betreut werden.

Der Greenkeeper von Westfalia Herne glaubt fest daran, dass auf seinem “Wembley-Rasen” eines Tages Profifußball gespielt wird.
“Am besten zum 100-jährigen Jubiläum 2004.” Als er dies im Frühjahr 2002 ausspricht, spielt Westfalia in der Oberliga Westfalen - die Tendenz geht nach oben.
Ein Jahr später folgt der Abstieg in die Verbandsliga.

Der jetzt als DVD erschienene Film des Regisseurs Wolfgang Ettlich “Im Westen ging die Sonne auf” befasst sich in fünf Kapiteln mit vergessenen Klubs des Reviers:
Rot Weiß Essen, Sportfreunde Katernberg, Spvgg. Erkenschwick, SV Sodingen und Westfalia Herne. Im Schatten der großen Nachbarn sind die Namen größtenteils
verschwunden. Mit dem Niedergang des Bergbaus und mit der Einführung des Profifußballs begann der Abstieg der Klubs, die alle im strukturschwachen Norden des
Reviers beheimatet sind.

Rot Weiß Essen ist jährlich auf dem Sprung in den bezahlten Fußball. Die Essener Legende Willy “Ente” Lippens kann darüber schmunzeln. Als er spielte,
waren die großen RWE Zeiten zwar vorbei, “immerhin bewegten wir uns zwischen erster und zweiter Liga.” Schwarz-Weiß Aufnahmen zeigen das
Meisterschaftsendspiel von 1955, das die Essener mit 4:3 gegen die Weltmeisterelf von Kaiserslautern gewann - drei Tore erzielte der legendäre Franz “Penny” Islacker. Kapitän war Helmut Rahn.

“Boss” Rahn begann seine Karriere bei den Sportfreunden Katernberg. Der Klub wurde damals von der Zeche Zollverein gesponsort.
Das reichte, um in der Oberliga West zu bestehen. Heute ist Zollverein Weltkulturerbe und die Sportfreunde kicken am Lindenbruch auf Asche.
Zu den Spielen in der Bezirksliga kann Kassiererin Katja Scholten die Besucher per Handschlag begrüßen.
Warum tut sie sich den Job an? “Tradition und Gewohnheit.” Den über 80-jährigen Ehrenpräsidenten Habs Sternheimer erkennt sie trotzdem nicht.

Der SV Sodingen überwintert als Spitzenreiter in der Landesliga. Nach dem Aufstieg in der Saison 2001/2002 folgte im letzten Jahr der Wiederabstieg.
Das Auf und Ab ist typisch. Seit fast 40 Jahren ist Kassierer und Stadionsprecher Wehrenbrecht im Verein. Seinen Vornamen kennt keiner,
der ehemalige Bankdirektor wird nur “Herr Wehrenbach” genannt. Seine korrekte aber liebenswerte Art wirkt deplatziert. “Im Verein sieze ich die Leute.”
Damals als die Schlote und Fördertürme der Zeche Mont- Cenis den Spielfeldrand in Sodingen zierten, galt der Verein als hart. Über 10.000 Zuschauer feierten Unentschieden gegen Dortmund wie Siege. Heute heißen die Gegner Aplerbeck oder Neuruhrort. Oft kommen nur 100 Zuschauer.

Den Ruhm ernten die Großstadtvereine. Die Arbeitervereine haben die Geschichte des Revierfußballs entscheidend mitgeprägt. Der Film setzt ihnen ein kleines,
sympathisches Denkmal.

 

Wolfgang Ettlich: Im Westen ging die Sonne auf, Baukau Media, DVD/Video, 22,99 Euro

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